Dr. Heiko Motschenbacher
Institut für England und Amerikastudien (IEAS), Abteilung Linguistik
Goethe-Universität
Grüneburgplatz 1, 60629 Frankfurt am Main
E-mail: Motschenbacher@em.uni-frankfurt.de
WS 2010/2011 und SS 2011:
Vertretung einer W2-Professur für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bayreuth
Forschungsgebiete:
Soziolinguistik; Diskursanalyse; Angewandte Sprachwissenschaft
Themenschwerpunkte:
Sprache & Geschlecht; Sprache & Sexualität; Sprache & nationale Identität; Sprache & europäische Identität; Kritische Angewandte Linguistik; Queere Linguistik; Poststrukturalistische Linguistik und Diskursanalyse; Europäische Soziolinguistik & Sprachenpolitik; Werbesprache; Englisch als Lingua Franca; Euro-English; Kontrastive Linguistik mit Schwerpunkt europäische Sprachen; Gender- und Queerforschung
Aktuelles Forschungsprojekt:
“Language and European Identity Formation”
Abstract:
Das Projekt befasst sich mit der sprachlich-diskursiven Dimension der voranschreitenden europäischen Identitätsbildung. Dabei werden nicht wie in der bisherigen Forschung Sprachpraktiken in EU-politischen Kontexten auf Identitätskonstruktionen hin untersucht, sondern solche im Rahmen des Eurovision Song Contest (ESC), einem populärkulturellen Medienereignis pan-europäischer Fernsehöffentlichkeit. Es wird ein poststrukturalistisches Identitätsverständnis zur Anwendung kommen, das Identitäten nicht als prädiskursiv existent und sprachlich reflektiert, sondern als im Moment des Sprachgebrauchs konstituiert und verhandelbar begreift. Da europäische Identität sprachlich zumeist nicht direkt konstruiert wird, interessiert insbesondere die indirekte Konstruktion europäischer Identität durch eine Lockerung normativer Zuschreibungen in den Bereichen nationaler und sexueller Identität. Diese Mechanismen sind als interaktiv zu verstehen, weshalb das Projekt sich sowohl mit der Produktionsseite als auch mit der Rezeptionsseite des Wettbewerbs quantitativ wie qualitativ auseinandersetzt. Auf theoretischer Ebene wird das Projekt im Wesentlichen von drei Ansätzen geprägt: kritischen Formen der Diskursanalyse, soziolinguistischer Forschung im Bereich “Sprache & Sexualität” bzw. “Queere Linguistik” und schließlich den Cultural Studies als medienanalytischer Disziplin. Im empirischen Teil der Arbeit sind insgesamt sechs Analyseschritte vorgesehen, die den ESC multidimensional beleuchten und sich so gegenseitig relativieren. Auf der Produktionsseite ist eine quantitative Korpusanalyse zur Interdependenz nationaler, europäischer und sexueller Identitätskonstruktion in ESC-Liedtexten vorgesehen, die in einem weiteren Schritt durch eine qualitative Untersuchung diverser europarelevanter diskursiver Felder ergänzt wird (sprachliche Konstruktion von Feminismus, Nicht-Heteronormativität, Frieden, internationale Lexis, geographische Referenzen). Darauf folgt eine qualitative Videoanalyse ausgewählter Performances zur Komplettierung der ersten beiden Schritte. Auf der Rezipierendenseite erfolgt eine Konzentration auf die Aneignungsprozesse in ESC-Fangemeinden, die als Paradebeispiel einer “queeren” Gegenöffentlichkeit zu verstehen sind und eine transnationale Community of Practice bilden, in der eine Vorreiterrolle für die zeitgenössische europäische Identitätsbildung vermutet wird. Dies wird in folgenden drei Schritten dokumentiert: eine Fragebogenstudie unter ESC-Fans zum Themenkomplex “ESC, Sprache und Identität”, Fokusgruppeninterviews zu den Ergebnissen des Fragebogens und einzelnen ESC-Performances und schließlich Analyse von ESC-Fanchats und Internetforen. Das Projekt verfolgt somit das Grundziel zu demonstrieren, dass sich sprachbasierte Prozesse der zeitgenössischen europäischen Identitätsbildung von herkömmlicher nationaler Identitätsbildung unterscheiden, da sie im poststrukturalistischen Sinne toleranter gegenüber Inkohärenzen, Instabilitäten, Fluktuation und Hybridität sind. Es geht dabei also nicht um eine bloße Ausdehnung von der nationalen auf die europäische Ebene. Vielmehr ist es das Grundverständnis von Identität selbst, das im Wandel begriffen ist.
Letzte Änderung: 14.06.2011
